Seifenblasen lügen nicht – Ein Gastbeitrag von Michael Mehring

Wer kennt diese nostalgischen, kindheitsverherrlichenden Gedanken nicht: Man sitzt im heimischen Garten oder im Stadtpark, ohne Anlass mitten auf der Wiese und pustet in den kleinen, unscheinbaren Ring des Pustefix-Behältnisses, über den sich ein bunt glänzender Film Seifenlauge zieht. Man musste anfangs üben, um die richtige Technik herauszufinden und trotzdem war es kinderleicht. Man verfolgte die Seifenblasen, die in allen Größen vom Wind davongetragen wurden und freute sich, je länger sie auf ihrer Reise Bestand hatten, bevor sie unumkehrbar platzten.

Egal ob man in seiner Erinnerung ganz alleine dort auf dem Rasen sitzt, mit Freunden oder den Eltern – Man versteht jederzeit, warum man sich in dieser Situation so geborgen gefühlt hat. Und gleichzeitig wird man von dem unbarmherzigen Gefühl überschwemmt, dass diese Zeit Vergangenheit ist. Niemals wiederkehrend und vorbei.Foto (13)

Da liegt es nahe, dass die gemeine Seifenblase als Metapher für alles Vergangene und Vergängliche betrachtet wird. Für die guten alten Zeiten, für Luftschlösser in Träumen, die wie eben jene kleinen Gebilde zerplatzen. Doch eigentlich steckt dahinter viel mehr!

Seifenblasen sind perfekte Kunstwerke, die fast aus dem Nichts entstehen. Sie machen jeden zum Künstler und schaffen ein immer wiederkehrendes Erfolgserlebnis. Sie sind physikalisch-mathematische Phänomene, die naturwissenschaftliche Gesetze erklären und visualisieren können.

Seifenblasen sind auch deshalb eher ein Zeichen des Universums, wie ein herablassender, hämischer Applaus der Natur dafür, dass wir es schaffen, diese kleinen Gebilde zu produzieren. Denn bei den Bubbles schwingt immer die Unkontrollierbarkeit unserer Welt und die Machtlosigkeit über sie mit.

Wie das Leben eines einzelnen Menschen beschreibend steht die Seifenblase für die Unwichtigkeit, die Flüchtigkeit, aber auch die Schönheit und die Komplexität des Lebens – Sie sind in gewisser Weise ein Abbild unserer Selbst.

Wenn man sich diesen Gedanken zu Gemüte führt kann man richtig melancholisch werden, wenn man den gerade auf die Reise geschickten Seifenblasen hinterherschaut. Wahrscheinlich sind das alles Gründe, die Seifenblasen zum Vanitassymbol und zur Metapher für alles Vergangene machen: Man kommt um die unterschwellig einsetzende Melancholie unmöglich herum. Seifenblasen lügen eben nicht.

Michael Mehring

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